Der Eintritt als Auftritt im Lampenballast

In Viktoria Tremmels fotografischen Selbstinszenierungen diffundieren unbewusste und bewusste Identitätsbezüge, die die Selbstidentität als Fremdidentität in Erfahrung bringen. Zur Visualisierung der introspektiven Wahrnehmungen werden die markanten Eigenheiten diverser Genres wie Performance, Theater, Fotografie, Mode und Kostümbild zusammen erprobt. Vergleichbar der Videoperformance „Allerleirauh“ werden die Aspekte der Kleidung als Material hinsichtlich eines symbolischen Interaktionismus berücksichtigt.

Die minimalistische Konzeption der Inszenierung orientiert sich an der Vielschichtigkeit der Blickbeziehungen der Kamera und der Porträtierten, deren unterschiedliche Perspektiven zwischen einer Ästhetik der Erscheinungen und einer Ästhetik des Verschwindens changieren.
Der Ort der Selbstdarstellung ist das Atelier, ein Zwischenraum, dessen Funktion nur indirekt über eine in einem Spiegel sichtbare Staffage erfassbar wird. Der Spiegel repräsentiert den Ort zwischen der Utopie und der physischen Präsenz des Raumes. Im Atelier als Zwischen- und Fluchtort wird das Scheitern der Suche nach dem Dazwischen in der eigenen Identität zelebriert.

Die Künstlerin betritt den Raum: Am Übergang von draußen nach drinnen, an der Türschwelle, setzt der Akt der selbstreflexiven Inszenierung ein, die in mehreren Sequenzen nach Anleitung der Porträtierten von der Künstlerin Miriam Bajtala fotografisch dokumentiert wurde. Die intime Beziehung zum eigenen Körper wird exhibitionistisch zur Schau gestellt: Der Mantel wird geöffnet, ein um den Bauch gebundenes Bündel leuchtender Glühbirnen quillt hervor.Der förmliche Ballast wird vom Licht überstrahlt. Durch die Betonung der abstrakten Qualitäten der performativen Dimensionen löst sich das mimetische Porträt auf, der Körper dematerialisiert sich und nimmt die Gestalt des Fremden an. „Mein Körper ist der Ort, von dem es kein Entrinnen gibt, an den ich verdammt bin. Ich glaube, alle Utopien sind letztlich gegen den Körper geschaffen, um ihn zum Verschwinden zu bringen. Dennoch wäre ein utopischer Ort jenseits aller Orte vorstellbar, an dem ein körperloser Körper existierte, schön, rein, durchsichtig, leuchtend, gewandt, unendlich kraftvoll, von allen Fesseln frei, unsichtbar, geschützt und in ständiger Umwandlung begriffen.“

Die Ambivalenz der das Erscheinungsbild vervielfachenden und transzendierenden Blicke und Gesten verweist auf das Dilemma der sprachlichen Macht, deren Widersprüchlichkeiten sich permanent wiederholen. Sie manifestieren sich pantomimisch als Befremdung, Faszination, Intimität und Obszönität.

Im kaskadenartigen Sturz der Lichter deutet sich die Divergenz zwischen der Selbstinterpretation und der eigenen Existenz an, die sich im Zustand der in Schwebe gehaltenen Gesten wiederholt. Eine Affinität zu Atsuko Tanakas Selbstinszenierung „Electric Dress“ von 1956 besteht in der Abstraktheit der Selbstinszenierung durch die Mediatisierung des Blicks, die die weiblichen Repräsentationsformate an der Oberfläche dematerialisiert.

Die Signifikanten des sich metaphorisch transformierenden Subjekts steuern eine mit artifiziellen Mitteln erweiterte Identität an, um den eigenen Körper als Ort diverser Versehrtheiten und beschränkter Ausdrucksmöglichkeiten zu materialisieren.

Auf der Suche nach einem utopischen Ort expandiert der Körper durch prothetische Erweiterungen, symbolische und codierte Elemente der Bekleidung sowie der Maske / Schminke. Durch den leuchtenden Fremdkörper wird das Innere vorübergehend nach außen gestülpt. Gleich einem inneren Monolog senkt die Porträtierte den Blick auf die strahlenden, fragilen Lampen, deren voluminösen Ballast sie vor sich herträgt. In diesen Transformationen visualisiert sich die unüberwindbare Gespaltenheit von Identität und Körper, über die selbst der androgyne Habitus und der Einsatz dematerialisierender Effekte nicht hinwegtäuschen können.

Sie bilden lediglich den Versuch einer Aussöhnung auf einer Metaebene, denn „mein Körper ist das genaue Gegenteil einer Utopie, er ist niemals unter einem anderen Himmel, er ist der absolute Ort, das kleine Stück Raum, mit dem ich buchstäblich eins bin.“ „Es könnte durchaus sein, dass die allererste und unausrottbarste Utopie die eines körperlosen Körpers war. Das Land der Feen, das Land der Kobolde, der Geister, der Zauberer ist das Land, in dem der Körper sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, es ist das Land, in dem Wunden mit einem Zauberstab blitzschnell geheilt werden, es ist das Land, in dem man sichtbar ist, wenn man mag, und unsichtbar, wenn man es will. Wenn es ein Märchenland gibt, so ganz sicher damit ich dort der reizende Prinz sein kann und all die Schönlinge so hässlich und haarig werden wie Zottelbären.“

Indem sie nur die Glühlampen fokussiert, bringt die Kamera den Körper und dessen symbolische Systeme zum Verschwinden. Die Lichter verweisen auf den eigentlichen Körper, sodass er unbefangen, lediglich als Illusion existieren kann. Als durchlässiges Medium entzieht sich der Körper in diesem Idealzustand seiner Materialität. Sein Nachklang ist Energie. Die Typologie porträthafter weiblicher Zuschreibungen erfährt in dieser Abstraktion eine inszenierte optische Enttäuschung, in der das Nichtidentische gegen die Position des Identischen gesetzt wird und dadurch neue Bildsysteme jenseits weiblicher oder männlicher Zuschreibungen generiert.

Nicola Hirner, April 2010

Verwendete Literatur:
Michel Foucault. Die Heterotopien. Les hétérotopies. Der utopische Körper. Le corps utopique. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2005.
Atsuko Tanaka. Silvia Eiblmayr (Hrsg.), Galerie im Taxispalais, Hatje-Cantz, Ostfildern-Ruit, 2002
Pierre Klossowski, G. Bataille, M. Blanchot, G. Deleuze, M. Foucault, u.a. Sprachen des Körpers. Marginalien zum Werk von Pierre Klossowski. Merve Verlag, Berlin, 1979
Christian Scheib, Destillationsprozesse. Beat Furrer geht in seinen Kompositionen den Beziehungen zwischen Stimme, Sprache, Sprach- und Instrumentalklang nach. Durch wiederholtes Analysieren, Rastern und Filtern vorgefundener Klänge gewinnt er die musikalische Essenz. In: DU. Die Zeitschschrift der Kultur. Juli 2001, Doppelheft Nr. 7/8, Tamedia AG, Zürich /Rosemarie Trockel. Herde. Theween, Gerhard (Hrsg.), Salon Verlag, Köln, 1979
Foucault, Michel: Die Heterotopien. Les hétérotopies. Der utopische Körper. Le corps utopique, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2005, S. 26 ebd. S. 25

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