Bevölkerung

Viktoria Tremmels Raumbilder sind menschenleer. Manchmal auf den ersten Blick kaum zu bemerkende Eingriffe der Bildhauerin und zahlreiche Spuren anderer Menschen durchziehen die Ausschnitte der aufgenommenen Räume. Obwohl sich deren Stimmungen unterscheiden und von Fall zu Fall an Häuslichkeit, Hinterlassenschaft, industrielle Arbeit oder Halböffentlichkeit erinnern, scheint es diskret eingebettete Ordnungen zu geben, die die Bilder verbinden. Im weiteren Verlauf sollen diese von anderen Raumausschnitten aus betrachtet werden – und in Gesellschaft derer Bewohnern.

Eine dunkel gebeizte Eingangstür mit einem kaputten Türgriff führt in einen Raum, der wie eine Küche in einem temporären Gebäude oder einem Container wirkt. Weisse Kunststoffprofile decken die Fugen zwischen den Gipsvorsatzschalen ab, die die Oberflächen des Innenraumes bilden. Die weiss laminierten Küchenelemente scheinen leer, die Türen der Unterschränke sind grossteils offen und hängen so lose in ihren Beschlägen, dass sie wahrscheinlich gar nicht geschlossen werden könnten. Auf Sockelhöhe der Möbel gibt es ein waagrechtes hölzernes Plateau. Knapp unter der Decke sind Klimaanlage, Lüftung und Kabelkanäle.

Ein pastos gemaltes Landschaftbild zeigt eine nächtliche Wegbiegung an einem Waldrand eines Pariser Vorortes zur Revolutionszeit. Am Rand des Feldweges liegen ein paar zugeschnittene Baumstämme. Humpelnd bewegt sich eine als Dienstmagd verkleidete englische Adelige auf einen davon zu, um sich darauf vom langen Fussmarsch einer heimlichen Flucht aus der klassenumkämpften Stadt auszuruhen.1
Die Engländerin und die Baumstämme sind Studioaufnahmen und digital in das Gemälde eingeschnitten. Sie entsprechen dem Massstab , der Perspektive und der nächtlich-blauen Farbigkeit des Bildes. Trotzdem sind sie anders, detailreicher, sie werfen einen weichen Schatten. Dadurch wirken sie so als würden sie sich auf einer Glasfläche oder Eisdecke befinden. Bewegungen scheinen fast zu elastisch für das behäbige Landschaftsgemälde zu sein.

Die offensichtliche Künstlichkeit der gemalten nächtlichen Szene am Waldrand, die sich durch Digitaltechnik in ein lebendes Bild verwandelt, zeugt von einem Zusammenspiel, das sich zunehmend verselbstständigt und das man als Zuschauer durch Gewöhnung nach und nach zu akzeptieren scheint. Diese angewöhnte Umgebung existiert doch nicht ausserhalb der Grenzen, die die einzelnen Gemälde dem Film vorgeben.
Die Umgebungen, denen Viktoria in ihren Bildern Ausschnitte entnimmt, setzen sich fort. Die Aufnahmen sind unmanipuliert und völlig plausibel, trotzdem fordern sie eine ähnliche Form der Eingewöhnung und Einlebung. Sie existieren jedoch nur in einer bestimmten Form und über den skulpturalen Akt des Ausschnittnehmens und dem Aufzeichnen verschieden starker Eingriffe, die mit den aufgenommenen Umgebungen ein diskreteres Zusammenspiel eingehen. Ist das Holzplateau von zu kleinen KöchInnen errichtet worden? Waren die Klimageräte jemals in Betrieb?

Viktorias Bild einer Wand schneidet eine Deckenlampe im Vordergrund, eine nicht deckenhoch aufgebrachte Tapete eines Türrahmens mit Oberlicht aus Drahtglas und eine Tür an. Mitten im Bild ist ein an der Wand montiertes Tierchen aus Metall mit Reflektoren.
Etwa armbreit neben der Tür ist das Muster gegen seinen Rapports tapeziert. Der Anstrich der obersten Strebe des Türrahmens franst auf die Glasfläche des Oberlichtes aus. Vielleicht war keine Leiter da, vielleicht war das Abdeckband aus, vielleicht war es das das letzte, was noch nicht gemacht war und man wollte fertig werden.

Im Schlafzimmer einer Pariser Arbeiterfamilie in den Fünfzigerjahren. Hier übernachten Eltern und vier Kinder. Das Doppelbett und die beiden unterschiedlich grossen Kinderbetten sind an die Wände gerückt, dazwischen bleiben schmale Spalte frei. An der Seitenwand steht ein Radio auf einer Wandhalterung mit Zierdecke, aussermittig an der Stirnwand des Zimmers hängt ein Familienfoto. Auf dem Gruppenbild sitzen die Familienmitglieder auf ihren Betten, teilweise mit den Beinen in den schmalen Abständen zwischen den Möbeln.2
Trotz der Gedrängtheit wirkt die Szene gepflegt und es scheint, wenn auch auf engem Raum, alles vorhanden zu sein, was gebraucht wird. Die Anordnungen, Anbringungen scheinen gut ausgeführt und das Zimmer in Schuss gehalten zu sein.

Die Makellosigkeit und das augenscheinliche Gleichgewicht des überbevölkerten Zimmers hängen vielleicht mit einer Reihe von Kompromissen zusammen, mit dem Verhandeln, Aufsparen und maximalen Ausnützen der vorhandenen Bedingungen und einem Sich-nicht-unterkriegenlassen.
Auf eine andere Art ist auch das Raumbild der Wand in einer Ordnung und im Gleichgewicht. Die aufgenommenen Imperfektionen, Kompromisse und anderen Verhandlungsergebnisse mit Räumen und Gegenständen des täglichen Gebrauchs werden hier allerdings Teil der trotzdem möglichen guten Lösung.

Mittagessen auf einem Bauernhof in Südfrankreich. In der Mitte der Wohnküche sitzen drei Familienmitglieder an einem Tisch. Alle tragen Arbeitskleidung. Es gibt Suppe und einen Rest Wein. Man hört Essgeräusche und das Klingen des Metallbestecks auf dem Glasgeschirr, im Hintergrund den Fernseher. Der Raum ist auf halbe Höhe beige gemustert gefliest. Oberhalb der Fliesenfläche gelbliche, leicht gemusterte Tapete bis zum Gebälk der offenen Holzdecke. Handtücher und Socken sind zum Trocknen über dem Ofen drapiert, an der Wand hängen auf unterschiedlichen Höhen ein Kalender, eine Wanduhr und ein Kreuz.3
Die verschiedenen Gebrauchsgegenstände und die Bewohner scheinen gut eingespielt. Man hat ein bisschen das Gefühl, dass die Auswahl der einzelnen Dinge mit einer gewissen Pragmatik passiert ist, so als wäre man in unterschiedlichen Jahrzehnten in ein Kaufhaus gegangen und hätte gesagt ’Neun Quadratmeter Fliesen, bitte.’, ’Eine Wanduhr, bitte’, ’Eine Jacke, bitte’. ’Wie soll sie sein?’. ’Warm und sie soll lange halten’ und sich dann mit dem zufriedengegeben, was zu kaufen war.

Ein leerer Leuchtkasten an der gegenüberliegenden Wand ist eingeschaltet und strahlt als monochromes weisses Rechteck in den Raum. Auf einer halbhohen, weissen Konsole, die sich in eine gemauerte Brüstung fortsetzt, stehen fünf Blumenstöcke. Eine hohe ausgewachsene Jukka-Palme in einem quadratischen Topf steht auf einem Teil des Podestes zur Stiege, die man durch Verlauf und Knick eines vorgelagerten röhrenförmigen Geländers erahnen kann. Die Palme befindet sich teilweise im Gegenlicht des Leuchtkastens und einer der beiden Neonfelder, die in die Gipsdecke eingelassen sind. Ein teilweise mit einem Tischtuch abgedeckter Schreibtisch setzt die Höhe der Konsole und deren Blumentopfreihe fort, daneben steht eine Serie aus Kindersitzen und einem Wickeltisch. Weitere, kleinere Zimmerpalmen in runden Töpfen stehen entlang der Brüstung auf dem weiss-grau melierten Pflasterboden und verdecken einen weiteren mit monochromen blauen Feldern und roter Schrift bestückten Leuchtkasten, der nicht eingeschaltetet ist.

Sowohl die bäuerlichen Küche als auch das höchst umfangreiche Raumbild mit Zimmerpflanzen, Kindersitzen und Leuchtkästen sind nicht wählerisch, was ihre einzelnen Bestandteile angeht. Sie scheinen vor allem den Kategorien von Dingen anzugehören, die man braucht, die man bekommt und die schon da waren. Im Grunde genommen scheint die Ordnung der hier aufgenommenen Räume darauf zu beruhen, dass es wichtiger ist, was man mit den Sachen macht als wie sie sind.
Diese Integration von Dingen, die vorhanden und verfügbar sind, scheinen wiederum zu den anderen Raumbildern zu führen, wenn man diese als Dokumentation räumlicher Entscheidungen liest, bei der Eingriffe denselben Status haben wie die vorgefunden Dinge.

Lösungsfindung durch Ausschnitt nehmen, eingreifen, Kompromisse eingehen, Ausnützen scheinbar nicht vorhandener Möglichkeiten und die scheinbar nicht wählerische Integration vorhandenener Dinge, passieren hier in einem persönlichen Massstab.
Vielleicht werden Entscheidungen einer grossen Reichweite auf ähnliche Art getroffen.
Robert Gassner

1 Eric Rohmer, L’Anglaise et le Duc, Paris 2003, Fox Pathé Europa, 16. Minute
2 Philippe Ariès und Georges Duby, A History of Private Life – Riddles of Identity in Modern Times, Cambridge Mass und London 1991, The Belknap Press of Harvard University Press, S. 57
3 Raymond Depardon, profils paysans I – l’approche, Paris 2003, Palmeraie et désert und Canal+, 73. Minute

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