30Kilo, Konzept für zwei Videos, (2006-2007)

Als ich 2006 den Sommer in Cesky Krumlov (Krumau) verbracht habe, um dort zu arbeiten, war ich zunächst natürlich begeistert vom Alter und Schönheit der Stadt, bin aber bei längerem Aufenthalt mehr und mehr auf die militärische Hinterlassenschaft aus kommunistischer Zeit aufmerksam geworden, die sich dort unterirdisch noch immer breitmacht. Mir fiel sofort auf, dass dort sehr viele Jugendliche als „fashion“ Militärkleidung tragen, die aber natürlich dort noch mal eine ganz andere Bedeutung in sich trägt wie bei uns, unter anderem auch, weil sich noch Männer in nicht geringer Anzahl mit echter Militärkleidung darunter mischen.
Man muss wissen, Krumlov ist umzingelt von noch intakten aber auch aufgelassenen Kasernen und Truppenübungsplätzen. Der Punkt, der mich dabei faszinierte, ist der Kontrast zwischen dieser Stadt, voll mit Touristen, hergerichtet als ein großes einziges „Renaissanceschloss“, einerseits, um den Kommunismus vergessen zu machen, andererseits, um es Eu recht zu machen, aber dann ist da noch so eine komische Schwere spürbar, die von den einheimischen Menschen ausgeht und von dieser sonderbaren anachronistischen und zugleich sehr gegenwärtigen Militärkraft, die dort allgegenwärtig ist.
Meine Arbeitsidee war, diese Art Schwere, die mich dort auch persönlich umzingelte, mit meinen künstlerischen Mitteln zu verarbeiten. In einer Art Selbstbeschwerung, d. h. einen Militäranzug innen so zu beschweren (mit30kg), dass ich mich sehr schwer bewegen konnte, und dann das Atelier als Übungsplatz herzurichten, indem ich übungsähnliche Objekte aus Möbel baute, die dann die Hindernisse dargestellt haben, die ich zu bewältigen hatte, unter anderem auch um auf meine Hindernisse einzugehen – (eine Alltäglichkeit) die ich zu überwinden habe. Was mich dabei natürlich auch sehr interessiert, sind die Bewegungsformen meines Körpers und seiner Grenzen, die dabei entstehen.
Der zweite Standort ist die Stadt Krumlov selbst, die ich in meinem beschwerten Militäranzug durchquerte, die Touristenmassen, durch die ich mich schleppte, die öffentlichen Plätze, über sie ich in dieser Art und Weise marschierte. Daraus entstand eine art Slapstick, wo ich einige Reaktion der Bevölkerung hatte.

Skript:
Immer wieder aufstehen und immer wieder fallen aber das Aufstehen wird schwerer nach jedem Fall, ein immerwährendes Aufstehen, ein unvermeidliches Fallen, ein nicht mehr Aufstehen können, ein wie betrunken Torkeln, ein gerade noch Stehen, ein Fallen von einem Fuß auf den anderen, und wieder aufstehen und dabei Ideen haben...
... oder auch keine Ideen haben, ideenloses Aufstehen, schmerzvolles Fallen, ein leichtes Torkeln, dann mühsames Ansichhalten, peinliches Robben, ein sich Weiterkämpfen, Militär in mir selber – ober mir, unter mir, links, rechts -, Militär, das ich in mir selber bekämpfe, mich in Bewegung haltend, zum aufrechten Gang zwingend, unermüdlich, nicht wissend, ob es funktioniert, mich zur Bewegung zwingend, das Niederfallen auch gebrauchend - ob man es wirklich braucht? Man braucht es auf jedem Fall, um nach jedem Fall wieder aufstehen zu können, ein einziger Kampf, dem wirklich auf die Spur zu kommen wäre. Was übrig bleibt ist eine Kampfkleidung, die quälend meinen Körper umfasst, mit der ich umhüllt bin und die meine Bewegung erschwert:
das alles, was ich bei mir trage, diesen ganzen Ballast - man ist ja auch nicht leer, sondern voll bepackt mit allem was man so bei sich trägt – der Leere widerstehen zu können, Hindernisse überwinden können, sich Hindernissen stellen, aufstellen, dagegenstellen, dazustellen.

Assistenz: Miriam Peter
Aufbau: Ruven Dürr

Julius Deutschbauer
Tausendundkeinen Schuss hast du frei!
Anmerkungen zu dem Video "30 Kilo" vom Viktoria Tremmel

Kasernen sind oft Schauplatz blutiger Gefechte.
Jedes Mal, wenn ich an einer Kaserne vorbeigehe und dort gerade die Flagge gehisst oder eingeholt wird, steht jeder stramm. Jeder steht still und stramm und grüßt die Flagge. Tue ich es nicht, packt der Dienst habende Offizier meine rechte Hand und erhebt sie zum Gruß. Sage ich darauf: "Ich grüße nicht. SIE tun es, indem Sie meinen Arm hochheben", lässt der Offizier wütend meinen Arm fallen und zieht seine Pistole. Schon kommt ein anderer Offizier hinzu, hebt meinen rechten Arm hoch, lässt ihn wütend fallen und zieht seine Pistole. Schon kommt ein dritter Offizier hinzu usf.
Endlich kommt der Befehl: "Vorwärts marsch!" Das ganze Bataillon marschiert ab, nur eine unbewegliche, einsame Gestalt bleibt zurück: ausdauernd, tüchtig, leistungsfähig, vermögend, bedeutend; sich lagernd, umlagert; sich ordnend, sich aufstellend; in Schlachtreihen; allein in Schlachtordnung, möglicherweise wie ein Heer, das sich aus fünf Abteilungen zusammensetzt: aus der Vorhut, der Mitte, den beiden Flügeln und der Nachhut, wie eine große organisierte Gruppe von Personen, die für den Landkrieg ausgebildet sind: nachjagend, wegführend.
Die Luft ist warm, schwirrend, träge.
Eine Frau: ein stehendes Heer! Zu den Waffen gerufen, weder durch Trompetensignale, noch durch Boten oder besondere Zeichen.
Sie hat kein neues Haus gebaut und es auch nicht eingeweiht, keinen Weingarten gepflanzt, auch nicht begonnen, ihn zu nutzen,
sich mit keiner Frau/keinem Mann verlobt, sie auch nicht genommen. Sie ist weder furchtsam noch zaghaften Herzens.
Es ist nicht ihre erste Schlacht, in die sie sich verwickelt hat: in Gewichte eingewickelt, in Waffen. Pistolen und Gewehre, Planken und Ziegel, Handgranaten und Tellerminen, verschiedene Standarten und Banner, Flaschen und Dosen und Proviant. Kavallerie und bewegliche Bettungen von Geschützen und Infanterie. Sie scheint sich selbst zu verpflegen. Sie scheint keinen Geschlechtsverkehr zu haben an diesem und am nächsten Tag. Sie macht keine Gefangenen an dieser eroberten Stätte, brandschatzt und vergewaltigt nicht.
Sie benötigt keine Führung, und es ist nicht nötig, einen Zweck ihres Kriegszugs hervorzuheben.
Sie scheint ohne Plan, Taktik und Strategie. Trotzdem setzt sie auf Überraschungsangriff, dann Frontalangriff, legt einen Hinterhalt, nimmt Furten von Flüssen ein usw. Sie ist für den Tag der Schlacht gerüstet, stürmt an. Kein einziger bleibt am Leben.
Sie ist kein Teil einer größeren Streitmacht, sondern vielmehr selbst eine große unabhängige Truppeneinheit: ein vollständiges Heer an sich. Bei der Ausführung ihres Dienstauftrags auf sich selbst angewiesen, an Grenzen stationiert, dient sie als Leibwächter, Kurier und manchmal als Scharfrichter. Sie versteht sich wohl gut auf Krieg, Mord und alles Böse mit allen zu Gebote stehenden Hilfsmitteln des Soldatendienstes, unter eigenem Oberbefehl stehend. Zehntausende, Tausende und Abertausende. Man nennt sie Legion. Als Streitmacht ist sie unbesiegbar. Und es gibt kein Entrinnen.
Sie ist es nicht gewohnt, bei Nacht zu schlafen, und wenn sie sich betrinkt, ist sie gewöhnlich nicht betrunken.
Ich verstecke mich unter einer Decke am Rücksitz eines Autos und schmuggle mich so aus der Kaserne hinaus. Diese Nacht werde ich wohl in einer schmutzigen Latrine zubringen müssen.
Jedes Mal, wenn ich dieses Zimmer verlasse, bin ich froh, noch am Leben zu sein.
Tausendundkeinen Sch(l)uss hab' ich frei! Abwechslungsweise einen über den andern Tag.
Sie steckt alle in den Sack, in die Uniform, in den Kampfanzug. Sie befehligt über 1 000 Soldaten. Sie führt das Kommando. Sie hat große Machtbefugnis. Sie ernennt Zenturionen und setzt sie ein. Sie ist Vorsitzende des Kriegsgerichts und verhängt Todesstrafen. Sie hat Untergebene, die ihr zu Diensten sind. Ihren Rang kann man am Gewicht ihres Kampfanzugs erkennen: 30 Kilo. Bis zum Zerbersten einer Ordnung an ihren vernachlässigten Spannungen. Als hätte sie mindestens zehn Jahre bei der Infanterie und fünf Jahre bei der Kavallerie gedient. In einer Kaserne bei Cesky Krumlov (Krumau), an einem inzwischen aufgelassenen Truppenübungsplatzes aus sowjetischer Zeit, wo ihre Videoarbeit entstand.
Viktoria Tremmel hat ihren Kampfanzug mit Ziegelsteinen unterfüttert. Dies verleiht ihr eine eigentümliche Schwere. Dort, wo ich herkomme, bedeutet "einen Ziegel haben" betrunken sein. Hat Viktoria Tremmel einen Ziegel? Sie hat tatsächlich mehr als einen Ziegel. Sie lässt sich runterziehen, Gleichzeitig umgibt sie diese Schwere mit der Leichtigkeit einer Betrunkenen: einer Als-Ob-Betrunkenen: als sähe sie fremdartige Dinge, als hätte sie phantastische Erlebnisse, als läge sie im Herzen des Meeres, als balancierte sie auf der Spitze des Mastens, im Mastkorb eines Schiffes auf stürmischer See. Weiß sie, was um sie herum vorgeht? Als hätte man sie geschlagen. Man hat sie geschlagen, aber sie wurde nicht krank. Man versetzte ihre Streiche, vierzig weniger einen, ohne dass jemand da war.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Schwer-Seins. In einer "dämonischen" Slapstik, die eine derartige Schwerkraft besitzt, dass in ihr Schwerefeld eindringende Sterne angezogen und "verschlungen" werden, scheint Viktoria Tremmel in einem fortwährenden Taumel zu sein. Übermächtige Ohnmacht lässt sie in den Taumel eines Schwere-Erlebnisses geraten, in eine paradoxe Euphorie. Der Schwerkraftdruck in ihrem Innern treibt sie zu Hochgefühlen. Taumel, Euphorie, Hochgefühl. Schwere, Beschwerde, Kummer. Wer wollte sich darüber beschweren?
Die Last macht Druck, der Druck macht Wucht, die Macht drückt nach. In Bezug auf zu Tragendes. In Bezug auf zu Erduldendes. Capitis gravitas. Schwere des Hauptes, Schwere der Glieder. Schwere der Milz. Gravitas morbi. Sie weitet, sie weltet, schleppt dicke am ganzen Atlas, bis schier kein Fluss etc. mehr ist. Schwer geht der Atem, schwer wird die Zunge. Sie gibt genau acht auf die ganze Schwere des Worts. Pondus verborum. Stumm fährt sie fort. Alles also verkehrt und zerkrüppelt. Jede Beschwerde wird abgewiesen. Die Welt ist wie im Taumel. Alle Notausgänge verriegelt.
Viktoria Tremmels Videoarbeit enthüllt, indem sie verhüllt und bedient sich eines komischen und zugleich harten Aberwitzes. Ihr gelingt es, sich selbst blind ins "Verderben" rennen lassen.
In "30 Kilo" erscheint sie mir wie die sieben Jungen (einer ist sie selbst, sechs hat sie in ihren Kampfanzug gesteckt) im Film "Die Brücke" von Bernhard Wicki aus dem Jahre 1959, die zur Verteidigung einer anscheinend völlig unwichtigen Brücke eingesetzt werden, einer Brücke, die noch dazu ohnehin von Anfang an zur Sprengung vorgesehen war. Oder sie ist John Lennon in Richard Lesters "Wie ich den Krieg gewann" (Originaltitel: How I Won the War), in welchem dieser in Nordafrika hinter den deutschen Linien mitten in der Wüste ein Cricket-Feld anlegt. Ein großer Teil seiner Truppe geht dabei drauf. Der Name des von John Lennon dargestellten britischen Offiziers Goodbody, würde wohl auch gut auf Viktoria Tremmel in ihrem Video "30 Kilo" passen.
Mit den Stilmitteln der Groteske versucht Viktoria Tremmel dort, ihre Schwere auf tragikomische Weise darzustellen. Ein zentraler Punkt des Videos ist ihr Verhältnis zum eigenen Körper. Der Krieg wird dabei zum Nebenschauplatz. Militärkraft weicht der eigenen Schwerkraft. Es ist ihr eigener Krieg, den sie da führt. Der Krieg findet im eigenen Inneren statt. Sie ist ihr einziges Opfer. "Dies geschah am 30. Januar 2007. Es ist unbedeutend, dass es in keinem Heeresbericht erwähnt wird."
Dem Betrachter bleibt zurück in der Rolle des Kriegsbeobachters, des Kriegsberichterstatters. Dieser muss essen, um leben zu können und leben, um essen zu können. Er muss kaufen und verkaufen (alles eine Sache von großem Gewicht). Die Ausstellung ist zum Verteidigungsbereich erklärt worden. Frauen und Kindern, Galeristen und Kuratoren wird empfohlen, es zu verlassen.

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