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Viktoria Tremmel & Andreas Strauss

TS001 LUX, Fluc, Wien, 2009 / Skulpturenpark, Berlin, 2011

TS002 LUX, Künstlerhaus, Wien, 2014

TS003 LUX, WUK Kunstzelle, Wien, 2014

Eine Lichtdusche, ein natürliches Antidepressivum, ein positives Eigentor gegen Winterblues, 

richtet sich an alle mit Stimmungsschwankungen, an alle Schlafgestörten,

aber auch an alle deutlich Appetitgesteigerten,

Dynamikverknappten und Reizbaren Libidoverlustlern und Winterdepressiven,

sowie an alle saisonbedingten Gemütsgestörten.

 

Fühlen Sie sich wohl mit Licht und 
gleichen Sie Ihren Lichtmangel aus!
Ohne Medikamete!

Gehen Sie rein!
Stellen Sie sich darunter. 
Bleiben Sie stehen!
Gehen Sie durch 
Lassen Sie sich bestrahlen!
Lassen Sie sich heilen!
Halten Sie sich auf!

Das Sonnenlicht wird durch Lampen mit mehr als 15.000 Lux simuliert.

Ein Tor, Durchgang, aber auch Automat. Im Oktober 2009 wurde das Objekt inmitten einer Baustelle am Bahnhof Praterstern für die Ausstellung (Urban Signs - Local Strategies) platziert, wo es den (wartenden, stehenden und gehenden) Passanten als eine Art „Lichtdusche“ diente. Lichtquellen im Inneren des Objekts strahlen durch einen möglichst dichten Schnürlvorhang nach außen und verleihen dem Objekt so eine geheimnisvolle Aura, die zum Erkunden und Durchschreiten anregen soll. Im Inneren werden spezielle Tageslichtlampen installiert, die auch therapeutisch gegen Depressionen (siehe unten Text von Dr. Pail) eingesetzt werden. Der öffentliche Raum wird so zu einem Möglichkeitsraum umfunktioniert, der das alltäglich Treiben am Bahnhof für kurze Zeit ausblendet und vom Besucher als minimalistisches Lichtobjekt betrachtet, als „Positivum“ verwendet oder auch als Zeitmaschine benutzt werden konnte.

– Christa Benzer

In Berlin war der „TS001 LUX“ Teil eines Projekts, das Barbara Sturm für den Skulpturenpark Berlin_Zentrum kuratierte. Vier Eingriffe österreichischer KünstlerInnen (Iris Andraschek/Huber Lobnig, tat ort (Berlinger/Fiel), Barbara Sturm, Andreas Strauss und Viktoria Tremmel) sollten das urbane Brachland in seiner Identität bestärken und es den mannigfaltigen Konnotationen des Begriffs „Feld“ entsprechend, nicht endgültig definieren und daher vielseitig besetzbar machen. 

Für die Künstlerhauspassage am Karlsplatz wurde der „TS002 LUX“ adaptiert. Das Objekt, das für den öffentlichen Raum konzipiert ist, wurde dort quasi "in between" installiert: Die starken Lichtquellen an der Decke sowie der Schnürvorhang rundherum wurden sowohl im Innen- als auch im Außenraum angebracht, so dass man den einen Teil der "Lichtdusche" auch während der Schließzeiten des Kunstraums genießen konnte. 

 

 

Die Chronopsychiatrie des Menschen

 

Dr. Gerald Pail

Psychiater, psychotherapeutischer Mediziner

 

Die physiologischen Funktionen des Menschen oszillieren entsprechend der unterschiedlichen Anforderungen im tageszeitlichen Verlauf. Die Periodizität dieser Funktionen wird in Abhängigkeit von externen und internen Zeitgebern gesteuert und folgt bei Deprivation von externen Zeitgebern einer Tagesabfolge von durchschnittlich 24,2 Stunden. Als zentraler Schrittmacher dieser als zirkadian bezeichneten Rhythmen dient der Nucleus Suprachiasmaticus, einpaarig angelegter Neuronenkern in der anterioren hypothalamischen Region. Das Kerngebiet erhält direkte Afferenzen vom optischen System über den retinohypothalamischen Trakt, dessen Ganglienzellen mittels des fotorezeptiven Pigments Melanopsin nicht visuelle Signale aufnehmen. Der primäre Oszillator des Gehirns adjustiert seine Funktionen nach dem primären Zeitgeber Licht und steuert sympathikusvermittelt die Synthese von Melatonin im Corpus pineale, einem Hormon von entscheidender Bedeutung in der Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus. Eine Vielzahl an psychiatrischen Erkrankungen exprimiert Desynchronisationen des zirkadianen Systems, welche sich in Form von Störungen des Schlafes, der Körpertemperatur, der Sekretion von Hormonen, von emotionalen und kognitiven Funktionen manifestieren. Als Modell-Entität gilt die Seasonal Affective Disorder, welche in erster Linie durch eine saisonal auftretende oder aggravierte depressive Symptomatik gekennzeichnet ist und populär als Winterdepression bezeichnet wird. Als Therapie der Wahl gilt Lichttherapie, deren Applikation durch intensive Lichtemission mittels der beschriebenen Mechanismen eine Resynchronisation der chronobiologischen Inkonsistenzen anstrebt. Durch die zunehmende Autonomie von Individuen von natürlichen Zeitgebern, dem ubiquitären Einsatz von artifiziellen Lichtquellen, transkontinentale Flugreisen sowie die Entkopplung sozialer Rhythmen in Folge virtueller Kommunikationsmedien, gewinnen Chronobiotika, wie Melatonin und neue synthetische Substanzen, an Bedeutung. In der Betrachtung der psychotherapeutischen Methoden gilt die Soziale Rhythmustherapie nach Frank als etabliert.

Pail et al. 2009, Neuropsychobiology (in press)